(von Julia Lippold)
Um 3:30 Uhr wird unser lauschiges 8er Zimmer nach wenigen Stunden Schlaf mit "Guten Morgen Sonnenschein" geweckt (wer es nicht kennt: https://www.youtube.com/watch?v=eOvibLXJxQ8). Von Sonnenschein kann hier aber nicht die Rede sein, unsere heutige Tour beginnt im Dunkeln. Nach einem schnellen Frühstück (in Aguas Calientes ist man auf die Frühaufsteher eingestellt ) geht es um 4:30 Uhr mit Taschenlampen Richtung Aufstieg los.
Am Fuße des Aufstiegs erwartet uns die erste Warteschlange (viele wollen bereits zum Einlassbeginn um 6 Uhr) oben ankommen. Alternativ zum Aufstieg zu Fuß gibt es die Möglichkeit einen Bus zu nehmen. Vor allem retrospektiv kann man niemanden vorwerfen, sich für diese Variante zu entscheiden. Wir sind uns allerdings einig, dass das richtige Gefühl erst mit dem Aufstieg zu Fuß kommt.
Um 5:15 Uhr zeigen wir also unser Ticket vor und beginnen den Aufstieg. Sehr schnell wird klar, dass das nicht leicht wird. Über 1.7km geht es nun abenteuerliche Treppen nach oben. Man darf sich hier keine klassische Treppe mit rechten Winkeln oder regelmäßigen Abständen vorstellen. Die Stufen sind unterschiedlich hoch, manche Stufen haben fast Kniehöhe.
Hat uns unten noch das laute Wasserrauschen des Flusses begleitet, der sich durch Arguas Calientes schlängelt, hîrt man mit zunehmender Höhe immer mehr das Schnauben aller Treppensteiger.
Auf halber Strecke beginnt die Sonne aufzugehen und wir kînnen erste Blicke auf die riesigen Berge, welche wunderschön umhangen von Wolken sind, werfen. Das Panorama ist atemberaubend, aber der Aufstieg ist es eben auch.
Nach ungefähr 50 Minuten erreichen die Ersten den finalen Eingang zu Macchu Picchu, wo auch unser Führer Hiran uns bereits erwartet. Alle sind klitschnass geschwitzt und wer kann, der wechselt sein T-Shirt. Da jeder sein 2-Tages-Tour Gepäck tragen muss, ist dies glücklicherweise machbar.
Trotz der enormen körperlichen Anstrengung sind alle glücklich, ein bisschen stolz und spätestens hier macht sich große Euphorie gegenüber dem, was uns erwartet, breit.
Gemeinsam, nachdem alle eingetroffen sind, gehen wir gegen 6:30 Uhr hinein.
Unser Führer spricht gut englisch und beginnt mit einem historischen Überblick. Er erklärt uns, dass eigentlich nicht die Inka-Ruinen als Macchu Picchu bezeichnet werden, wie man es immer annimmt, sondern der angrenzende Berg diesen Namen trägt. 1811 wurde es erstmalig von einem Deutschen entdeckt. Wirkliche Bekanntheit erlangte dieser Ort aber erst Anfang des 20. Jahrhunderts.
Wer nun dachte, er hätte alle Treppen geschafft, der hat sich leider geirrt. Weitere Treppen wollen gegangen werden. Die kurze Pause und die Vorfreude schenken uns hierfür neue Energie.
Nach einem weiteren kurzen Aufstieg erreichen wir den ersten Aussichtspunkt. Leicht in Wolken vernebelt erstreckt sich unter uns die so bekannte Inka-Stätte. Der Anblick ist überwältigend und alle Anstrengung ist schlagartig gerechtfertigt und (fast) vergessen!
Entgegen meiner Sorge, dass dieser Ort mit Tourismus überfüllt sein wird, verläuft sich dieser. Die meisten Besucher kommen auch erst gegen 10 Uhr, was zumindest mich wundert, da gerade der morgendliche Zauber dem Moment noch mehr Besonderheit verleiht. Der Anblick, der sich uns bietet, steht den Erwartungen in keiner Weise nach. Im Gegenteil, er übertrifft sie vollkommen.
Wir verweilen hier relativ lange, machen viele Fotos und genießen das Gefühl der Überwältigung.
Schließlich steigen wir noch etwas höher und erreichen weitere Aussichtspunkte. Im Rücken haben wir nun den eigentlichen Berg Macchu Picchu, vor uns weiterhin das klassische Bild der Inka Stätte.
Hiram erklärt uns, dass all die Terrassen, die nun mit Wiese bewachsen sind, ursprünglich für den Anbau von Nahrung wie z.B. Avocados und wilden Erdbeeren und auch Heilpflanzen oder Blüten, die als Schmuck genutzt wurden, dienten. Von der Wiesenbepflanzung profitieren heute die vielen Lamas, die auf den Terrassen sind.
Nachdem wir von verschiedenen Stellen den Ausblick von oben genießen konnten, setzen wir nun unsere Führung unten weiter fort und gehen in die zentralen Bereiche der Stätte.
Das Volk der Inka pflegte eine große Verbundenheit zur Natur. Ihre Toten wurden in der Embryonalstellung begraben. Der Gedanke war, dass die Toten zurück in die Natur gelangen sollen, wie sie im Leib der Mutter zur Erde kamen. Auch die Sonne hat eine besondere Stellung gehabt. Für den Bau einzelner Gebäude wurde genaustens der Stand der Sonne während der verschiedenen Monate studiert. Entsprechend wurden bspw. die Fenster ausgerichtet.
Als Tetris-Spieler hätten die Inka sicher Erfolge feiern können. Sie bereiteten riesige Steine in präziser Weise vor, so dass sie diese auch ohne Mörtel verbauen konnten.
Nach zwei Stunden Führung und weiteren zahlreichen Schritten nähern wir uns langsam dem Ausgang. Dies war ohne Frage ein besonderer Besuch an einem außergewöhnlichen Ort, von dem wir die vielen Eindrücke erst sacken lassen müssen. Für viele von uns hat sich hier ein jahrelanger Wunsch erfüllt.
Da es am Abend mit dem Nachtbus weiter nach Copacabana in Bolivien weiter gehen soll, stehen wir etwas unter Zeitdruck. Ein Großteil der Gruppe kann während der Fahrt bereits schlafen, und so reicht ein einzelner Kaffee-Stopp in Ollantaytambo.
Zurück in der Unterkunft, in der wir unser Gepäck während der Macchu Picchu Tour zurück gelassen haben, warten wir auf den Bus, der uns zum Busbahnhof bringen soll. Zeit für etwas Katzenwäsche -eine Dusche hätten wohl alle vorgezogen.
Insgesamt sind wir heute etwa 22km gelaufen, dabei umgerechnet etwa 114 Stockwerke hoch und wieder runter, insg. ca. 30.000 Schritte. Das Ganze bei gefühlt allen Temperaturen. Ich weiß nicht, wie oft ich an diesem Tag zwischen Winterjacke und T-Shirt gewechselt habe. Wenn die Sonne da ist, ist es hier schlagartig sehr warm. Genauso schnell wird es kalt, wenn sie wieder weg ist. Ebenfalls merkt man bereits bei 100m Höhenunterschied einen Temperaturunterschied.
Leider deutet sich irgendwann an, dass der bestellte Bus wohl nicht kommt. Die Nervösität treibt uns dazu, uns doch lieber 3 Taxen zu bestellen. Angekommen am Busbahnhof wird es noch mal richtig hektisch. Alle sind total müde und erschlagen von den vielen Eindrücken und auch von der kîrperlichen Anstrengung.
Leider kann man nicht sagen, dass es im Bus gemütlich wurde. Die Nacht sollte durchwachsen werden, erholsamer Schlaf leider nicht in Sicht.
Julia Lippold


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